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DAS VERSPRECHEN DER WIRKLICHKEIT

Von (08.10.2017)    /    Aktuelles

Vortrag von Daniel Salber auf der Mitgliederversammlung der Wilhelm Salber-Gesellschaft am 7. Oktober 2017 in Köln.

 

Warum Morphologie? Darüber könnte man viele Bücher schreiben. Ich will es in einem Satz sagen: Morphologie verspricht uns Wirklichkeit. Sie bringt Wirklichkeit zur Sprache: eine zauberische, phantastische, poetische Wirklichkeit. Die Wirklichkeit des Don Quijote. Ich sagte Don Quijote, und mein Diktier-Programm schrieb: Don Key Trottel. Wirklichkeit erfahren wir im Lachen! Unter dem Titel „Lachgeschichte“ fasste mein Vater 2016 seine ganze Psychologie zusammen. Die im heutigen Sinne, im Sinne der herrschenden Auffassung, gar keine „Psychologie“ mehr ist. Sie ist nämlich weit mehr: ein Erfahren und Verstehen der Wirklichkeit im Ganzen – jenseits Subjekt und Objekt, Innen und Außen.

Heutige „Wissenschaft“ gibt kein Zugang zur Wirklichkeit. Science wurde Fiction. In Wissenschaft und Technik begegnet der Mensch nur seinen eigenen Fiktionen. Schon Husserl sah, dass die Wissenschaften den Menschen nichts über ihr Leben, über ihre Wirklichkeit zu sagen haben. Nach der Zerstörung von Mythos und Religion haben die Wissenschaften den Menschen im Stich gelassen. Sie haben ihm Wirklichkeit versprochen, aber nichts über den Sinn seines Tun und Lassens zu sagen („Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“, 1934 – 1937).

Nach Husserl, Horkheimer, Heidegger, Adorno beschäftigte auch meinen Vater die Suche nach einer anderen Wissenschaft. Ihre Basis: das Beschreiben. Im Beschreiben ist ein Zugang zur Wirklichkeit, eine Eröffnung der wirklichen Welt, möglich. Öffnung bedeutet Verzicht auf schnelles Abstempeln, auf ideologische oder wissenschaftliche Schubladen, auf Bemächtigung und Kontrolle – Husserl nannte diese Haltung Epoché. Epoché bedeutete in der antiken Stoa Ent-Haltung des Urteils. In seinen letzten Schriften zur Methode griff mein Vater gerne auf den Begriff der Epoché zurück.

Witzigerweise gibt die Ent-Haltung einen An-Halt – sie lässt Wirklichkeit hervor treten (sich zeigen). Und was zeigt sich? Ich zitiere aus der „Lachgeschichte“:

„Es (Seelisches) donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, brummelt, rumpelt, rappelt, prasselt und so weiter… Seelisches versteht sich, indem es die Dinge verrückt. Das ist eine Erkenntnis, die uns durch das Lachen besonders deutlich gemacht wird. Die Geschichte des Lachens erweist sich auch hier… als eine Geschichte, die besser erkundet, worum es sich beim Seelischen handelt, als wenn man große Haufen von Fakten, Sammelpunkten, Ankreuzungen zusammen trägt“ (anders 28/2016, S. 45).

Morphologie kann Wirklichkeit versprechen, weil Wirklichkeit selbst ein Versprechen enthält, eine Art Geschenk. Das, was „es gibt“, ist unendlich reich und zugleich unheimlich endlich. Mein Vater fand dafür in seinen letzten Aufzeichnungen die Formel „Haus aus Zeit“. Menschen bauen ihr festes Haus, in dem sie wohnen, aber sie bauen es aus Zeit, aus ständigem Werden und Vergehen. Diese endlich-unendliche Wirklichkeit gilt es zu sehen, zu akzeptieren – zu lieben.

„Meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“ Also sprach Zarathustra.

Im „Haus aus Zeit“ wird Morphologie zur Behandlung. Neurose oder Verkehrt-Halten ist im Kern ein Leugnen der Endlichkeit der Wirklichkeit. Ein Versuch, ihre Widersprüchlichkeit, ihre Paradoxien, ihre Fragilität aufzuheben. Ein Haus ohne Zeit. Dagegen bringt die „Analytische Intensivberatung“ wieder die Zeitlichkeit ins Spiel: Leben lernen mit Geschichte, mit Zwiespältigkeiten, Brüchen und Leiden. Die eigene Wirklichkeit ahnen und aushalten – jenseits der kulturell verabreichten Simulacren und Stimulantien – im Lachen.

Seelisches Leben „ist kein einförmiger, harmonischer, gleichgemachter Zusammenhang. Sondern es ist ein paradoxer, ein widerständiger, gebrochener Zusammenhang. Darauf macht Lachen aufmerksam“ (anders 28/2016, S. 31).

Wirklichkeits-Erfahrung ist zugleich Kultur-Behandlung. Die heutige Zeit ist eine Zeit der Entwirklichung (Entzeitlichung). Menschen existieren auf der Flucht aus der Gegenwart, in Simulationen zerstreut, leben auf Displays in die erhoffte Unendlichkeit. Wirklichkeit schwindet im Getöse des überproduzierten Wirklichen. Roger Willemsen (2016) machte darauf aufmerksam, dass das Modewort „echt“ auf die verschwimmende Grenze zwischen Original u Simulation verweist („Wer wir waren“). Wir sind jetzt so weit, dass „Realismus“ bedeutet: Unterwerfung unter abstrakte Gemächte (Märkte, Finanzsysteme, Konzerne, Wissenschaften).

Gegenüber der verkargten „Weltanschauung“ der exakten Wissenschaften ist die Morphologie ein Versprechen der Wirklichkeit. Ein Innehalten, Verweilen, Vergegenwärtigen, im Hier und Jetzt sein. Wirklichkeit als Ereignis. Das haben wir in vielen, vielen Jahren bei meinem Vater gelernt. Für ihn war Morphologie = Résistance. Dem „Mainstream“ widerstehen, Menschen in Zeiten der Übermenschen-Kultur zurück auf die Erde bringen. Wirklichkeit als „Natur“, als das von uns nicht gemachte Zeit-Geschehen, das unser Haus trägt, anerkennen. Der riskanten Wirklichkeit des Mensch-Seins ins Auge sehen, dh. nicht kapitulieren vor den verordneten Auflösungen des Menschen zum „Consumer“ und Arbeitssklaven. Komischerweise ruiniert sich derzeit die Wirtschaft mit den eigenen abstrakten Vorgaben und Denkmustern (z.B. Führung nach Zahlen): der Blick für die Wirklichkeit wird geradezu lebensnotwendig!

Dem Schwindel der Übermenschen-Kultur gegenüber ist Wirklichkeit, wie sie die Morphologie eröffnet, eine zutiefst konservative, ja eine reaktionäre Entdeckung – zugleich aber eine Möglichkeit, ja ein Versprechen, die rotierenden Besinnungslosigkeit in eine andere Zeit zu überschreiten.

„Das Lachen übernimmt das Weltgericht… Lachen zeigt die Drehpunkte, an denen die Menschen spüren, was sie in ihrer Endlichkeit fabriziert haben. Wo sie den Mund zu voll genommen haben, wo sie ihr Gesicht verloren haben, welches Unwesen an Verwandlungen ihnen aus dem Spiegel entgegen lacht“ (anders 28/2016, S. 26).

Die Wirklichkeits-Erfahrung von Wilhelm Salber ist ein Schatz, der uns allen offen steht. Jeder von uns kann durch Texte Salbers seinen eigenen Zugang zur Wirklichkeit entdecken und anderen eröffnen. Auch der Nachlass enthält ein Versprechen der Wirklichkeit, das wir – mit der Zeit – allen zugänglich machen wollen. Nicht zuletzt ist die Wilhem Salber Gesellschaft ein offenes Haus, in dem wir Wilhelm Salbers „Lachgeschichte“, d.h. die Treue zur Wirklichkeit, fortsetzen können.

Die bange Frage, wie geht es mit der Morphologie weiter? ist also überflüssig. Mein Vater vertraute fest darauf, dass sich die von ihm gesehene Wirklichkeit in der ein oder anderen Form, in dem ein oder anderen Menschen, weiterhin zu Wort melden wird. Sicher, das Versprechen der Wirklichkeit ist heute recht unzeitgemäß. Geht es mit dem „homo sapiens“ zu Ende, und kommt der „homo deus“, wie manche Forscher meinen (Y. N. Harari 2017), wird für uns der Ärger nicht weniger. Doch einen biegsamen Baum bricht der Wind nicht um. Die Morphologie wird als Versprechen der Wirklichkeit weiter ihre Blüten treiben. Und sei es nur in kleinen Gärtchen.

 

  

 

SALBER INSTITUT für tiefenpsychologische Beratung