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MERKEL – DER HORCRUX

Von (29.12.2017)    /    Aktuelles

Warum Merkel immer wiederkehrt – eine empirische Studie.

Über Merkel zu schreiben ist genauso schwer, wie über Merkel zu sprechen. Wie, ein Gespräch über Merkel? Was will man da sagen? Vor der Wahl haben viele abgewinkt. Wer dennoch zum Interview kam, dem wurde gleich die Zunge schwer. Die Frau hat keine Eigenschaften, kein Privatleben, keine Skandale, neutral, immer gleiche Hosenanzüge. „Ein Nichts.“ Dazu ist nichts zu sagen.

Wie aber kommt es, dass „ein Nichts“ länger als alle Kanzler zuvor regiert? Was ist das Geheimnis der unscheinbaren Regentin? Geht es da mit rechten Dingen zu?

Nein, die Leute reden nicht gerne über Merkel. Im ersten Moment haben sie Angst, unvorbereitet in eine Politik-Prüfung geraten zu sein. Über Cornflakes-Marken wissen sie mehr, daher schämen sie sich ihres Nicht-Wissens und ihres Nicht-Tuns. Merkel übernimmt das alles für uns, leistet „Schwerstarbeit“, mit ihr kann man fast Mitleid haben. All die schweren Entscheidungen, die sie zu tragen hat. Was das für Entscheidungen sind, weiß man freilich nicht so genau. Die macht das schon. Wie macht sie das? Durch Nichts-Tun. Sie hält das Schiff über Wasser, aber nicht wie ein Steuermann, sondern „wie eine Galionsfigur“ am Bug. Reine Magie also?

Allmächtiges Nichts

Nachdem sie zuerst ein Nichts war, erscheint Merkel im nächsten Moment riesengroß. Nicht mehr die Eigenschaftslosigkeit lähmt die Zunge, sondern die schiere Größe. Mit dieser Größe gibt sie dem Land Schutz. Schutz vor dem Irrsinn um uns herum. Schutz vor Veränderungen. Uns geht es gut. Wir sind Exportweltmeister, deutsche Ingenieure sind ganz vorne. Merkel garantiert Jüngeren eine Art Ruhestands-Versorgung ab Mitte 20. Sie darf man nicht angreifen. Denn sie ist sehr, sehr mächtig. Und wer sie angreift, zieht das Unheil dieser Welt herbei.

Dennoch … irgendwie spüren die Befragten, dass mit dem Schutzpatron etwas nicht stimmt. Hat nicht Merkel selbst die Büchse der Pandora geöffnet, alle Fremden ins Land gelassen? Für einen Moment schimmert so etwas wie Hochverrat durch, aber dann wird die Kanzlerin in Schutz genommen: Jeder Mensch macht mal Fehler, vielleicht war das ja Wiedergutmachung für deutsche Schuld? Das Pendel schwingt noch ein paar mal hin und her: Merkel ist eine „Zementfrau“ – aber ist sie nicht schon weicher geworden? Sie regiert mit Dekreten, versammelt geistlose Abnicker um sich herum, eine gesichtslose Marionette des Finanzkapitals – aber sie gibt doch ihr Bestes, schafft Sicherheit, und wer über sie meckert, missachtet das Gemeinwohl. Am Ende ist die Kanzlerin wieder reingewaschen: „Es gibt keine Alternative, ich wähle wieder Merkel.“

Das Wahlergebnis zeigte dann, dass das Reinwaschen vielen Deutschen nicht mehr gelang. Die CDU erzielte das schlechteste Ergebnis seit 1949. Was man Merkel übel nahm, war aber weniger die Abschaffung der Demokratie oder die Handlungslosigkeit in fast allen Politikbereichen, sondern die Grenzöffnung, siehe Afd-Aufstieg. Trotz dieser bedenklichen Lücke wurde das Prinzip Merkel in der Wahl 2017 bestätigt. Es setzte sich in der völligen Richtungslosigkeit der „Jamaika“-Verhandlungen fort.

Omi als Imperator

Was ist das Prinzip Merkel? Auf den ersten Blick hält sie das drohende Chaos auf, indem sie sich selbst und uns nicht bewegt. Sie nimmt den Deutschen Handeln und Verantwortung ab, indem sie wie eine kaiserliche Majestät regiert. Doch in Interviews ist noch etwas anderes spürbar: eine leise Angst davor, diese eigenschaftslose Macht könnte plötzlich explodieren. Der alte Drache könnte ausbrechen und uns alle vernichten. Besser nicht hingucken, besser nicht daran rühren. Wie gut, dass Merkel nach der Wahl erstmal abgetaucht ist. Keiner vermisst sie.

Merkel ist gefährlich. Diese unscheinbare Gestalt wirkt wie ein Gefäß, das Jahr für Jahr das Tun und Leiden der Bürger verschluckt hat. Im Merkel-Nichts sind alle die aufgehoben, die sich durch Abgabe jeglicher Eigentätigkeit an die Kanzlerin selber in ein Nichts verwandelt haben. Wie in einer Bombe steckt in der Kanzlerin der eingedämmte Furor, die eingedämmte Leidenschaft der braven Teutonen. Gerade in ihrer „neutralen“ Unscheinbarkeit verkörpert Merkel unsichtbar-gemachte, unterdrückte Wünsche nach Weltmacht und Größe. Der Imperator in Gestalt von Omi: das ist der Trick, der In- und Ausland täuscht, implizit jedoch hier wie dort verstanden wird. Wir sind die Besten, technisch wie moralisch. Die Deutschen haben es sich verboten, offen zu glänzen, sie dürfen kein Profil mehr zeigen, keine Größenphantasien, keinen Nationalstolz – doch still und heimlich hat sich all dies in die unscheinbaren Nicht-Gestalt von Merkel geflüchtet.

Harry Potter-Leser wissen, wovon wir reden. Gegen Ende der Zauber-Geschichte begegnen wir ziemlich genau der Merkel-Psychologie unter dem Titel „Horcrux“. So heißt der Zauber, einen Teil der eigenen Seele in einer externen Gestalt aufzubewahren. Um seine Unsterblichkeit zu sichern, hat sich der finstere Lord Voldemort gleich in einer Reihe von unscheinbaren Gestalten untergebracht. Unter anderem in Harry Potter, dem netten Zauberlehrling. Wenn einer der „Horcruxe“ zerstört wird, ja wenn Voldemort selbst sterben muss, macht ihm das nicht allzuviel aus. Er existiert ja noch unsichtbar in anderen Gestalten weiter und kann sich von diesen aus immer wieder herstellen.

Ist Merkel ein Horcrux, in den sich das „deutsche Wesen“ geflüchtet hat, um unsterblich zu werden? Das würde erklären, warum es die Deutschen bisher nicht geschafft haben, Merkel abzuschaffen, denn wer will sich schon selbst abschaffen? „Schutz vor Chaos“, „Sicherheit vor Veränderung“ usw. wären dann nur Rationalisierungen, die der Tarnung des Horcrux dienen. Den Aufstieg der AfD können wir geradezu als Beweis dafür sehen, dass Merkel-Horcrux den Deutschen nicht mehr tüchtig genug erscheint, ihrem „Wesen“ Unsterblichkeit zu verleihen. Sie suchen nun andere Gestalten. Mögen diese nun Lindner oder Gauland heißen.

Die Merkel in uns

Der „dunkle Lord“ verödet die reiche Zauberwelt, indem er alle Zauberei nur in den Dienst der eigenen Machtsteigerung stellt. Um diesen unheimlichen Prozess zu stoppen, muss Harry Potter Voldemorts Horcruxe zerstören. Den letzten Horcrux trägt Harry in sich selber, und dessen Zerstörung ist der heikelste Punkt der Geschichte. Zurück zu Merkel: Es genügt nicht, Merkel und andere Verkörperungen der deutschen All-Gier zu beseitigen – die Verödung Deutschlands kann nur überwunden werden, indem wir die Merkel in uns selber bekämpfen.

Wie das geht? Das lesen wir bei „Harry Potter and the Deathly Hallows“: Um den Voldemort in sich selber zu vernichten, verzichtet Harry zum Schluss auf sein Leben. Doch indem er sich für die Anderen opfert, überlebt er wunderbarerweise seinen Tod durch deren Liebe. Die Paradoxie dieser Verwandlung: Verzicht ist kein Verlust, sondern ein unendlicher Gewinn. Das Ende ist nicht das Ende, sondern die Rettung der Zauberwelt als Gemeinschaft.

 

Empirische Grundlage dieses Textes sind Tiefeninterviews, die vom Kurs „Analytische Intensivberatung“ der BSP Berlin im Sommer 2017 durchgeführt wurden.

 

 

  

 

SALBER INSTITUT für tiefenpsychologische Beratung